Allergien & Kreuzreaktivitäten bei Artemisia annua

ArtemiCure® – Allergien & Kreuzreaktivitäten bei Artemisia annua

Allergien & Kreuzreaktivitäten – Artemisia annua zwischen Allergen und Antiallergikum

Kategorie: Inhaltsstoffe & Wirkmechanismen – Interessierte (vor oder nach Indikationen & Sicherheit)

Artemisia annua ist eine der faszinierendsten Heilpflanzen der Welt – und zugleich eines der stärksten Pollenallergene. Diese Doppelnatur ist kein Widerspruch, sondern eine Realität, die jeder kennen sollte, der Artemisia-Produkte verwendet, empfiehlt oder herstellt. Dieselbe Pflanze, die bei manchen Menschen allergische Reaktionen auslöst, enthält gleichzeitig Stoffe, die allergische Reaktionen dämpfen können.

Was löst die Allergie aus?

Artemisia-Pollen enthalten mindestens acht identifizierte Allergene – Eiweißstoffe, auf die das Immunsystem von empfindlichen Menschen mit einer überschießenden Reaktion antwortet. Das wichtigste ist Art v 1, ein kleines Abwehrprotein (Defensin), auf das 53 bis 93 % aller Beifuß-Pollenallergiker reagieren. Art v 3 ist ein Lipid-Transfer-Protein, das für Kreuzreaktionen mit Nahrungsmitteln besonders wichtig ist. Für Artemisia annua speziell wurde Art an 3 als eigenes Allergen identifiziert (PMID: 39689605). In Nordchina, wo A. annua weit verbreitet ist, reagieren etwa 10 % der Bevölkerung auf die Pollen; in Peking werden Pollenkonzentrationen von über 800 Körnern pro Kubikmeter Luft erreicht.

Kreuzreaktionen: Wenn der Beifuß im Sellerie steckt

Wer auf Beifuß-Pollen allergisch reagiert, kann auch auf bestimmte Lebensmittel reagieren – ohne diese jemals direkt als Problem erkannt zu haben. Das bekannteste Beispiel ist das Beifuß-Sellerie-Gewürz-Syndrom: 87 % der Sellerie-Allergiker zeigen gleichzeitig eine Beifuß-Pollenallergie. Die Ursache sind ähnlich gebaute Eiweißmoleküle in Pflanze und Lebensmittel. Art v 1 kreuzreagiert mit Sellerie, Mango, Rosskastanie und Sonnenblumenkernen. Art v 3 kreuzreagiert mit Pfirsich, Walnuss und Sellerie. Weitere Kreuzreaktionen betreffen Fenchel, Senf, Kamille, Ringelblume, Chicorée und Kopfsalat.

Syndrom Auslöser Kreuzreaktive Lebensmittel
Beifuß-Sellerie-Gewürz Artemisia-Pollen Sellerie, Karotten, Doldenblütler-Gewürze
Beifuß-Pfirsich Art v 3 (nsLTP) Pfirsich, Walnuss
Beifuß-Sonnenblume Art v 1 (Defensin) Sonnenblumenkerne, -öl
Korbblütler-Kreuzreaktion Asteraceae allgemein Kamille, Ringelblume, Chicorée, Lattich

Kontaktallergien

Neben der Pollenallergie gibt es einen zweiten Allergie-Weg: Kontaktallergien durch Sesquiterpenlactone. Diese Substanzen – zu denen auch Artemisinin selbst gehört – können bei direktem Hautkontakt allergische Hautreaktionen auslösen, besonders bei Personen, die beruflich mit der Pflanze arbeiten. In seltenen Fällen sind auch systemische Reaktionen nach oraler Einnahme dokumentiert (PMID: 27568784).

Welche Produkte sind betroffen?

Nicht alle Artemisia-Produkte tragen das gleiche Allergierisiko. Getrocknete Blätter (DLA) enthalten die Allergene in nativer Form – ein Warnhinweis für Pollenallergiker ist empfohlen. In Tee-Aufgüssen können wasserlösliche Allergene extrahiert werden, die Hitze bewirkt nur teilweise Zerstörung. Ethanol-Extrakte enthalten dagegen weniger Protein-Allergene, da diese im Rückstand verbleiben – das Risiko ist geringer. Trocknung und Erhitzung über 60 °C reduzieren die Allergenbelastung, beseitigen sie aber nicht vollständig.

Die andere Seite: Artemisia als Antiallergikum

Paradoxerweise enthält dieselbe Pflanze Verbindungen, die allergische Reaktionen dämpfen können. Artesunat – ein Artemisinin-Derivat – verhindert in Tierversuchen die Freisetzung von Histamin aus Mastzellen und blockiert frühe Signalwege der allergischen Reaktion (PMID: 23253152). Dihydroartemisinin unterdrückt allergische Atemwegsentzündung in einem Asthma-Modell (PMID: 23635079) und lindert Neurodermitis durch Hemmung der Mastzell-Einwanderung (PMID: 33118501). Verwandte Artemisia-Arten hemmen dosisabhängig die Histaminfreisetzung aus Immunzellen (PMID: 15618130).

Besonders bemerkenswert: In zwei großen klinischen Studien (Phase 3, randomisiert und doppelblind) wurde die sublinguale Immuntherapie (SLIT) mit Artemisia-annua-Allergenextrakten bei saisonaler allergischer Rhinitis (Heuschnupfen) getestet – mit signifikanter Symptomverbesserung und guter Verträglichkeit (PMID: 32030780, 32963688). Eine Langzeitbeobachtung zeigt, dass die Wirkung mindestens ein Jahr über das Therapieende hinaus anhält (PMID: 40952948). Hier wird die Pflanze selbst – als standardisierter Extrakt – zum Medikament gegen die Allergie, die sie auslöst.

TCM-Perspektive

In der Traditionellen Chinesischen Medizin werden die Symptome allergischer Reaktionen dem Muster „Wind-Hitze“ zugeordnet. Qing Hao, mit seinen Eigenschaften „bitter“ und „kalt“, adressiert genau dieses Muster: Es kühlt das Blut, löst Hitze und klärt die Leber. In der afrikanischen Ethnomedizin wird die verwandte A. afra bei Atemwegserkrankungen eingesetzt, deren Symptome sich mit allergischen Reaktionen überschneiden.

Fazit: Eine Pflanze, zwei Gesichter

Artemisia annua ist gleichzeitig Allergen und potenzielles Antiallergikum. Welche Seite dominiert, hängt vom Kontext ab: von der Darreichungsform, von der Verarbeitung, von der individuellen Sensibilisierung. Für Hersteller bedeutet das: Warnhinweise für Pollenallergiker, Asteraceae-Allergiker und Sellerie-Allergiker sind empfehlenswert, insbesondere bei Tee- und Pulverprodukten.

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Bioverfügbarkeit und Galenik von Artemisia annua