Flavonoide & Polyphenole von Artemisia annua – Die stillen Helfer mit eigenem Profil

ArtemiCure® – Flavonoide & Polyphenole von Artemisia annua

Flavonoide & Polyphenole von Artemisia annua

Kategorie: Inhaltsstoffe & Wirkmechanismen – Interessierte

Wenn über Artemisia annua gesprochen wird, fällt fast immer ein Name: Artemisinin. Manchmal wird ergänzt, dass bestimmte Pflanzenstoffe – die Flavonoide – das Artemisinin in seiner Wirkung verstärken. Das stimmt, ist aber nur die halbe Geschichte. Denn die Flavonoide und Polyphenole in Artemisia annua verfügen über eigene, unabhängige Wirkungen, die nichts mit Artemisinin zu tun haben. Dieser Text stellt diese eigenständige Seite vor.

Was sind Flavonoide und Polyphenole?

Flavonoide sind eine große Familie pflanzlicher Farbstoffe, die in nahezu allen Pflanzen vorkommen. Chemisch bestehen sie aus einem Grundgerüst von drei Ringen, an das verschiedene Gruppen angeheftet sind. Polyphenole sind der Oberbegriff für alle pflanzlichen Verbindungen, die mehrere Phenolgruppen tragen – Flavonoide gehören dazu, aber auch Phenolsäuren wie Chlorogensäure oder Kaffeesäure. Was Artemisia annua besonders macht, ist die hohe Dichte an polymethyoxylierten Flavonoiden – das sind Varianten, bei denen bestimmte Positionen am Molekül mit Methoxy-Gruppen besetzt sind, was ihnen eine bessere Fähigkeit gibt, durch Zellmembranen zu gelangen.

Die wichtigsten Flavonoide in Artemisia annua

Flavonoid Besonderheit
Casticin Verstärkt Artemisinin, hemmt aber auch eigenständig Entzündungsprozesse
Chrysosplenol-D Hemmt Abbau-Enzyme (CYP3A4, CYP2B6) und den Efflux-Transporter P-Glykoprotein
Chrysoplenetin Hemmt P-Glykoprotein in Darmzellen – hält Wirkstoffe länger im Körper
Eupatorin Eigenständig entzündungshemmend
Artemetin Charakteristisch für A. annua, in anderen Artemisia-Arten kaum vorhanden
Quercetin-Derivate Universeller Radikalfänger, kommt in vielen Pflanzen vor
Luteolin Stabilisiert Mastzellen, hemmt Histaminfreisetzung

Was können diese Stoffe eigenständig?

Entzündungen hemmen

Flavonoide hemmen den sogenannten NF-κB-Signalweg – einen zentralen Schalter, der in Zellen Entzündungsreaktionen auslöst. Wenn dieser Schalter blockiert wird, produziert der Körper weniger entzündungsfördernde Botenstoffe wie TNF-α, Interleukin-6 und Interleukin-8. Dieser Mechanismus funktioniert unabhängig von Artemisinin – die Flavonoide wirken hier aus eigener Kraft. Interessant ist, dass dieser Wirkmechanismus in verschiedenen Medizintraditionen auf unterschiedliche Weise beschrieben wird: In der TCM entspricht er dem Konzept der „Hitze-Lösung“, im Ayurveda der Pitta-Reduktion. Beide adressieren klinisch ähnliche Phänomene.

Abbau-Enzyme bremsen

Casticin, Chrysosplenol-D und verwandte Flavonoide hemmen die Leberenzyme CYP3A4 und CYP2B6. Das sind genau die Enzyme, die Artemisinin im Körper abbauen. Dieser Effekt erklärt, warum die ganze Pflanze eine bis zu 40-fach höhere Bioverfügbarkeit des Artemisinins zeigt als der reine Wirkstoff allein. Doch die CYP-Hemmung hat auch eine eigenständige Bedeutung: Sie kann den Abbau anderer Medikamente verlangsamen, was bei gleichzeitiger Einnahme relevant sein kann.

Mastzellen stabilisieren

Bestimmte Flavonoide wie Luteolin und Quercetin können Mastzellen stabilisieren – das sind Immunzellen, die bei allergischen Reaktionen Histamin freisetzen und damit Juckreiz, Schwellung und Rötung auslösen. Wenn Flavonoide die Mastzellen stabilisieren, wird weniger Histamin freigesetzt. Dieser Effekt ist für das Verständnis der Doppelnatur von Artemisia annua als Allergen und Antiallergikum zentral (mehr dazu im Kapitel Allergien & Kreuzreaktivitäten).

Freie Radikale abfangen

Flavonoide und Phenolsäuren sind effektive Radikalfänger. Sie neutralisieren aggressive Sauerstoffverbindungen (sogenannte freie Radikale), die Zellen schädigen können. Chlorogensäure, Kaffeesäure und Rosmariansäure – allesamt in Artemisia annua nachgewiesen – ergänzen die antioxidative Wirkung der Flavonoide.

Transporter blockieren

Das Flavonoid Chrysosplenetin hemmt in Laborversuchen den Efflux-Transporter P-Glykoprotein (P-gp) in Darmzellen. P-gp ist eine Art „Rückwärtspumpe“, die aufgenommene Wirkstoffe wieder aus der Zelle herauspumpt. Wenn diese Pumpe gehemmt wird, bleibt mehr Wirkstoff in der Zelle – ein weiterer Mechanismus, der erklärt, warum der Ganzpflanzenextrakt wirksamer sein kann als der isolierte Wirkstoff.

Was passiert mit Flavonoiden im Körper?

Nach der Aufnahme werden Flavonoide im Körper intensiv umgebaut: Sie werden glucuronidiert und sulfatiert – also mit Zucker- oder Schwefelgruppen versehen, um sie wasserlöslicher und damit ausscheidbar zu machen. Die beteiligten Enzyme (UGT1A1, UGT1A9, UGT2B7) sind dieselben, die auch Dihydroartemisinin abbauen. Ein möglicher enterohepatischer Kreislauf – also eine Rückresorption über den Darm nach Ausscheidung über die Galle – könnte erklären, warum bestimmte Wirkungen länger anhalten als die kurze Plasmahalbwertszeit erwarten lässt.

Was wir noch nicht wissen

Die eigenständige Wirkung der Flavonoid-Fraktion ist überwiegend in Laborversuchen und Tiermodellen dokumentiert. Klinische Studien, die Flavonoide aus Artemisia annua isoliert am Menschen untersuchen, fehlen nahezu vollständig. Ebenso unklar ist, wie viel von den Flavonoiden tatsächlich aus Tee, Kapseln oder Extrakten im Körper ankommt. Die Flavonoide sind ein wesentlicher Bestandteil der Gesamtpflanze – aber ihr therapeutischer Beitrag lässt sich derzeit nicht quantifizieren.

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